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Archiv: Das goldene Vlies | Franz Grillparzer

Stadttheater

Einführung / Kurzbeschreibung

Während eines Kur-Aufenthaltes in Baden wurde Franz Grillparzer zu „Das goldene Vlies“ inspiriert. Nun ist das Landestheater Niederösterreich mit der Inszenierung der katalanischen Regisseurin Alia Luque zu Gast an der Bühne Baden.

Einführungsgespräch an den Aufführungstagen: 18.30 Uhr (Eintritt frei)

Handlung

Das goldene Vlies steht, wie der Ring der Nibelungen, für die unersättliche Gier des Menschen nach Macht. Sein Besitz verleiht einzigartige Kräfte, gleichzeitig zieht er Tod, Rache und Verderben nach sich. Als der griechische Heeresführer Phryxus mit dem Vlies, das er aus einem Tempel in Delphi geraubt hat, auf der Insel der Kolcher anlegt, rechnet er nicht mit der Feindschaft der Inselbewohner. Ihr König, Aietes, tötet den Griechen mit Hilfe seiner Tochter Medea und setzt sie als Hüterin des magischen Widderfells ein.

Als Jason das Vlies zurückzuholen will, verlieben sich Jason undMedea haltlos ineinander. Medea stellt sich gegen den Vater und beide fliehen mit dem Vlies. Sie erbitten Asyl in einem Land, in dem Medea immer eine Fremde bleiben wird.

Der Autor

Franz Grillparzer, der 1818 während seines Kur-Aufenthaltes in Baden zu „Das goldene Vlies“ inspiriert wurde, entwickelte aus dem antiken Mythos eine geschichtsphilosophische, psychologische Tragödientrilogie.

Die Inszenierung

Die junge katalanische Regisseurin Alia Luque, die zuletzt für das Burgtheater die Uraufführung „die hockenden“ inszenierte, bringt alle drei Teile des Epos – „Der Gastfreund“, „Die Argonauten“ und „Medea“ – in kompakter Besetzung auf die Bühne und stellt mit der Inszenierung die Frage, welche Opfer der Erwerb von Macht verlangt und welchen Preis wir bereit sind zu zahlen, um die Macht zu erhalten.

Pressestimmen

Margarete Affenzeller, Der Standard
Meisterwerk der Aussparung: Alia Luque inszeniert Grillparzers Stück am Landestheater in St. Pölten. Die dramaturgische Disposition ist verblüffend: Franz Grillparzers Triptychon Das goldene Vlies – bestehend aus Der Gastfreund, Die Argonauten und Medea – benötigt unter den Händen von Regisseurin Alia Luque am Landestheater Niederösterreich nicht einmal zwei Stunden, um seine Tentakelarme zerstörerischer Gewalt auszubreiten. Und das obwohl Luque weitere Texte in das dreiteilige "dramatische Gedicht" einbaut: jene von Christa Wolf, Heiner Müller, Jean Anouilh sowie aus der Kindertragödie von Suzanne Osten/Per Lysander (Dramaturgie: Julia Engelmayer). Die Länge eines Abends ist gewiss kein Anhaltspunkt für die Qualität desselben, doch es bleibt bemerkenswert, wie intensiv die vergleichsweise kurze Aufführung ihre Anliegen vorzubringen weiß. Kaum sind die ersten Blicke gewechselt, hat man sich den Nagel der Schuld auch schon eingetreten. Phryxus, der Vlies-Träger, wird seines Machtinsigniums wegen von Medeas Vater getötet. Für diese erste, der eigenen Machterweiterung dienende Tat, wird das Kolcher Geschlecht lange büßen. Medea, die an der Seite Jasons ihre blutbefleckte Familie flieht, aber auf allen Inseln Griechenlands verstoßen wird, schließlich auch vom eigenen Ehemann, wird eines der größten Opfer sein wie auch – durch den Mord an ihren Kindern, sowie an ihrer vermeintlichen Nachfolgerin Kreusa – zur Täterin werden. Es sind keine Menschen (also solche mit Fußpilz oder die Kastanien klauben), die in den griechischen Tragödien agieren, vielmehr Prinzipien in humanoider Gestalt. An diesem Grat operiert Luque; sie spart runter auf abstrakte Sprechakte, in denen die Spieler in präziser Dynamik – wie einander auflauernde Löwen im Käfig – mit Sätzen aufeinander losgehen. In diesem choreografischen Spannungsfeld bewegt sich auch das Vlies mit (als Tänzer anwesend: Milan Loviska). Luque kleidet das Figurenpersonal in Latex (Bühne, Kostüme: Christoph Rufer, Ellen Hofmann), das weniger wie Gewand, denn wie eine zweite Haut die Körper überzieht. Alle halten sie sich Gemütsregungen vom Leib. Allen voran Medea (toll: Silja Bächli), die ihren Körper mit voller Wucht auf den verräterischen Jason (Tobias Artner) wirft, sodass die Häute schmerzhaft quietschen. Die Doppelbesetzungen – z. B. Bettina Kerl einerseits als Medeas Bruder sowie als Kreusa (Medeas Feindin) – zeichnen die Fortsetzung der angehäuften Schuld nach. Ein kluger, präziser, spannender und sogar junges Publikum ansprechender Abend.

Peter Jarolin, Kurier
... Im Landestheater Niederösterreich reduziert die katalanische Regisseurin Alia Luque Franz Grillparzers "Das goldene Vlies" auf seine Essenz, eilt in atemberaubender Geschwindigkeit durch den "Gastfreund", die "Argonauten" und "Medea". Und das alles in einer Stringenz, die staunen lässt. Nach nicht einmal 20 Minuten ist der Gastfreund tot, beginnt sich die Spirale des Schreckens und der Grausamkeit zu drehen. Nicht einmal 20 Minuten später sagt sich Medea von ihrem Vater los und folgt Jason in die fremde Heimat. Das Vlies als Symbol der Macht und auch des Verderbens ist in Gestalt eines Tänzers (stark gestaltet von Milan Loviska) omnipräsent. Und Medea, die Heimatlose, geht ihrem und dem Untergang der anderen entgegen. Denn am Ende regent es Blut, viel Blut sogar. Es ist Alia Luque in ihrer minimalistisch-choreografischen Inszenierung zu danken, dass dieser Grillparzer auch dank diverser Texteinschübe von Jean Anouilh, Per Lysander, Heiner Müller, Suzanne Osten oder einer Christa Wolf sprachlich und thematisch so aktuell, so heutig, so drastisch gültig wirkt. Auf der sich nach und nach vergrößernden Bühne (Christoph Rufer) regiert steriles Weiß, in farblich unterschiedlichen Lack-, Leder- und Latex-Kostümen (Ellen Hofmann) dreht sich die Spirale der Gewalt wie unter einem Brennglas. Das ist sehr klug gedacht, meist auch sehr gut gemacht. Das Personal ist stark reduziert, der Tänzer, zwei Kinder und vier Schauspieler reichen aus. Zu Recht, denn diese sind fast durchwegs erstklassig. So gibt Silja Bächli eine intensive, die Liebe radikal lebende und einfordernde Medea, die in letzter Konsequenz zur traurigen Furie mutiert. Bettina Kerl ist ihr ein androgyner Bruder und eine eiskalte Gegenspielerin Kreusa. Die Herrscher sind bei Michael Scherff in besten Händen, Tobias Artner bleibt als Jason nur die Rolle des Opportunisten. Stark!