Interview

Jetzt auch noch Regie

Interview mit der Regisseurin von DAS VEILCHEN VOM MONTMARTRE

An so gut wie jeder Produktion an der Bühne Baden arbeitet sie hinter den Kulissen mit, nun führt sie selbst zum ersten Mal Regie: Im Interview spricht Cornelia Ertl über ihre Liebe zur Operette und die feinen Besonderheiten von Stücken im kleinen Rahmen.

Wüsstest du spontan, bei wie vielen Stücken du Regieassistenz und Abendspielleitung gemacht hast?

Nein, da müsste man wahrscheinlich meine Mutter fragen. Die ist bei solchen Dingen die Expertin! Die Erste Regieassistenz durfte ich bei „Dreimäderlhaus“ übernehmen, und das ist mittlerweile über 25 Jahre her. Die Bühne Baden war immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Beruflich und privat. Meine Mutter war immer mit Herz und Seele Teil des Hauses, ich habe meinen Mann hier kennengelernt und mittlerweile stand jedes meiner Kinder schon mal hier auf der Bühne. Ich selbst habe auch als Kinderdarstellerin angefangen und konnte dann im Laufe der Jahre viele Positionen kennenlernen, bevor ich bei der Regieassistenz gelandet bin. Es ist einfach großartig ein Haus und alle Menschen die darin arbeiten so gut zu kennen. Natürlich hilft mir das auch unglaublich bei der Arbeit an DAS VEILCHEN VOM MONTMARTRE.

Wie geht es dir jetzt, mit dem Wechsel in die Regie?

Ich freue mich sehr über diese Möglichkeit für meine erste Regiearbeit. Ich mag Musicals und bin froh, dass ich bei vielen – auch vielen unterschiedlichen – mitarbeiten darf, aber am Ende schlägt mein Herz für die Operette. Mein Lieblingskomponist ist Emmerich Kálmán, und umso mehr freue ich mich natürlich über dieses Stück für meine erste Regiearbeit.

Wieso ist die Wahl ausgerechnet auf DAS VEILCHEN VOM MONTMARTRE gefallen?

DAS VEILCHEN VOM MONTMARTRE ist eine wunderschöne Operette für den Rahmen des Max-Reinhardt-Foyers, sie lebt von den Figuren, und man kann sie auch gut ohne große Ensembles spielen. Ich finde, das ist vergleichbar mit Lehárs DER GRAF VON LUXEMBURG, wo man sich auch öfter fragt, warum auf einmal der gesamte Chor auftaucht. Beim VEILCHEN ist das ähnlich, es braucht die großen Massenszenen nicht, im Gegenteil, sie sind meiner Meinung nach sogar unpassend.

Wie war bzw. ist die Arbeit am VEILCHEN? Und was sind die Besonderheiten deiner Inszenierung?

Wir spielen eine sehr spezielle überarbeitete Fassung, denn es gab zwei Punkte, die mich am Originalstück gestört haben. Erstens das Medaillon, das am Anfang ganz groß eingeführt wird, dann nicht mehr vorkommt bzw. vergessen wird, am Schluss aber dann wieder auftaucht und die komplette Handlung auflöst: Violetta kann an der Seite des Mannes bleiben, braucht keine Geldsorgen mehr haben. Ich halte das für extrem unlogisch, als haben wir das umgearbeitet. In unserer Fassung kommt das Medaillon immer wieder mal vor, bevor es im 3. Akt zur Auflösung führt. Der zweite Punkt ist komplexer. Denn mir wurde die Figur des Raoul beim mehrmaligen Lesen bzw. Überarbeiten des Stücks immer unsympathischer. Und so ist gemeinsam mit der Bearbeiterin des Textes , Juliane Weigel-Krämer, der Entschluss gereift, dass Raoul am Schluss nicht die Titelheldin kriegt, sondern Florimond; eine Figur, die bei uns generell stärker in den Mittelpunkt rückt. Ich bin sehr froh, Juliane Weigel-Krämer mit im Team zu Haben. Sie hat alle meine Wünsche eingearbeitet und wunderbare Ideen zur Auflösung des Stücks.

Was zeichnet das VEILCHEN in musikalischer Hinsicht für dich aus?

Es ist ein Spätwerk von Kálmán, und das hört man auch, es fällt in mehrerer Hinsicht aus dem Rahmen. Üblicherweise hat Kálmán immer ungarische Musik in seinen Werken, im VEILCHEN dagegen gibt e sehr viele französische Anklänge. Spannend ist auch, dass dieses Stück in Österreich kaum bekannt ist, ganz im Gegensatz zu Russland und der Ukraine, wo das VEILCHEN sogar eine der meistgespielten Operetten überhaupt ist. Wir spielen diese Operette mit acht Orchestermusiker*innen plus Klavier. Und wenn man über DAS VEILCHEN VOM MONTMARTRE und die Musik spricht, dann kommt man natürlich am berühmtesten Stück aus dieser Operette nicht vorbei: „Heut Nacht hab ich geträumt von dir“. Das ist insofern spannend, weil jeder diese Nummer kennt und sie auch überall als bekanntestes Stück dieser Operette genannt wird, sie aber im Original Klavierauszug nicht vorkommt. Natürlich wird sie in unserer Inszenierung auch trotzdem zu hören sein. Aber: Da die Nummer sowieso herausgestellt ist, gehen wir noch einen Schritt weiter: Wir haben „Heut Nacht hab ich geträumt von dir“ Florimond gegeben, als nicht orchestrierte Nummer, nur mit Klavier begleitet. Genau darum geht sie aber meiner Meinung nach noch mehr unter die Haut.

Gibt es sonst noch Besonderheiten in deiner Inszenierung?

Ich lasse das Stück in der Zeit seiner Uraufführung spielen, also in den 1920er bzw. 1930er Jahren, mit und Kostümen, die eindeutig in dieser Epoche verortet sind. Mir erschien das passender als im Original, wo die Handlung 100 Jahre früher angesiedelt ist. Das Bühnenbild wird neutral gehalten sein, was die Zeit betrifft, der Flügel ist dabei ein zentrales Element auf der Bühne. Für mich ist die Musik ein so wichtiger Punkt bei der Operette, dass man das mit allen Mitteln herausheben muss. Daher bin ich auch sehr froh, dass wir eine Lösung gefunden haben, das Orchester ganz speziell zu platzieren – meines Wissens nach ganz neu für diesen Rahmen. Außerdem werden wir mit einem Podest arbeiten, das aus drei Elementen besteht und dementsprechend flexibel eigesetzt werden kann.

Und jetzt noch die klassischste aller Fragen, wenn es um Operette geht: Ist das Genre zeitgemäß? Kann man diese Stücke heute noch spielen?

Es gibt viele, die sagen: DAS VEILCHEN VOM MONTMARTRE ist unspielbar wegen der furchtbaren Frauenfiguren. Ich finde das gar nicht, im Gegenteil: Die beiden Frauenfiguren sind es, die die Geschichte vorgeben, sie sind der Ausgangspunkt, das Stück wird geleitet durch die beiden. Natürlich: Ninon als Grisette wird von Männern ausgehalten, aber sie wählt die Männer aus und entscheidet, sie würde nie gegen ihren Willen bei jemandem bleiben, sondern zum Nächsten ziehen, wenn ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Violetta ist das komplette Gegenteil, sie macht sich von Raoul abhängig und würde alles für ihn tun. Aber gerade sie macht eine enorme Entwicklung durch, vom hörigen Mädchen zur Frau, die selbst bestimmt, wie es in ihrem Leben weitergeht. Für mich sind das tolle Frauenrollen – vielleicht auch nur in der Form, in der wir es umgeschrieben haben, aber da auf jeden Fall. Was mir als Regisseurin aber besonders wichtig ist: Keine Rolle ist schwarz weiß! Ich möchte also keinen durch und durch unsympathischen Raoul oder kein Mäuschen Florimond. Jeder der drei Bohemians hat seine Facetten und ist eine vielschichtige Figur. Das ist sehr wichtig, denn diese drei Figuren geben die Stimmung und den Rahmen des Stücks vor. Raoul ist der Selbstbewusste, der glaubt, mit den Frauen zu spielen. Henry ist der Tollpatschige, der manchmal unbeholfen wirkt, aber der Empathischste von den drei ist, und Florimond weiß nicht, wie er zu seinen Gefühlen stehen sollen, er ist der, der immer zurücksteckt. Ich finde, dass DAS VEILCHEN VOM MONTMARTRE ein ganz wundervolles Stück ist, in dem absolut zeitlose Themen verhandelt werden; nämlich, dass man immer zu Höheren Streben darf und sein Leben selbst gestalten muss, um sein Glück zu finden - und das mit traumhaft schöner Musik.

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