Über die Bühne hinaus wuchern
Interview mit dem VOGELHÄNDLER-RegieteamWie inszeniert man ein beliebtes und populäres Stück wie DER VOGELHÄNDLER? Sucht man neue Zugänge, orientiert man sich an Bewährtem oder versucht man sich am Spagat?
Beliebte Stücke wie DER VOGELHÄNDLER bringen natürlich eine gewisse Erwartungshaltung mit sich – viele kennen die Musik, die Charaktere sind wohlvertraut. Gleichzeitig möchten wir die Operette so erzählen, dass sie auch für heutige ZuschauerInnen lebendig und nachvollziehbar bleibt.
Wichtig war uns dabei, drei Zeitebenen mitzudenken: die Entstehungszeit der Operette, die Zeit, in der die Handlung spielt, und unsere heutige Perspektive. Diese Ebenen greifen ineinander und helfen dabei, Sprache, Humor und gesellschaftliche Bilder besser zu verstehen. Manche Dinge würde man heute anders formulieren – und genau diese Gegensätze machen wir bewusst sichtbar.
Gleichzeitig verbindet uns mit der Operette auch eine große persönliche Zuneigung. Gerade DER VOGELHÄNDLER zeigt für uns, wie viel Wärme, Menschlichkeit und musikalische Schönheit in diesem Genre steckt. Operette besitzt die besondere Fähigkeit, Leichtigkeit und Tiefgang miteinander zu verbinden und Menschen unmittelbar zu berühren – oft mit Humor, aber genauso mit Melancholie und großer Emotionalität. Diese Qualitäten wollten wir nicht ironisieren oder brechen, sondern bewusst ernst nehmen und feiern.
Dabei geht es uns weder um künstlerische Verrenkungen noch um ein Festhalten an alten Operettenklischees. Wir möchten die Geschichte ehrlich, lebendig und mit großer Liebe zum Genre erzählen – gemeinsam mit wunderbaren DarstellerInnen, die einen unmittelbaren Zugang zu den Figuren ermöglichen.
Was ist für euch das Besondere an dieser Operette? Und was ist euch bei eurem Regiekonzept besonders wichtig?
Wir freuen uns besonders, unseren VOGELHÄNDLER in Baden spielen zu lassen. Baden ist uns allen vertraut und bietet den idealen Ort, um kleine, liebevolle Anspielungen mit Augenzwinkern einzubauen. Auf diese Weise können wir die Stadt immer wieder in unserer Inszenierung hochleben lassen und gleichzeitig den Bezug zur Operette herstellen.
Denn hinter der heiteren Verwechslungsgeschichte stecken emotionale Konflikte, Standesunterschiede, verletzter Stolz und große Sehnsüchte – also Themen, die bis heute aktuell geblieben sind. Uns war wichtig, diese Figuren in ihrer Komplexität ernst zu nehmen. Die Verwechslungen und Machtverhältnisse innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen sollen nicht nur als komödiantisches Mittel funktionieren, sondern auch in ihrer menschlichen Tiefe nachvollziehbar werden.
Gleichzeitig möchten wir die Leichtigkeit und den Charme der Operette bewahren. Gerade das Spannungsfeld zwischen Komik und Drama macht für uns den besonderen Reiz dieses Genres aus. Im Idealfall geht das Publikum mit einem Ohrwurm, viel Freude und vielleicht auch einem kleinen Gedankenanstoß nach Hause.
Operette gilt oft als verstaubt und altmodisch. Was macht für euch den Reiz dieses Genres aus? Und wo kann bzw. soll man ansetzen, um die Operette in die Gegenwart zu führen?
Die Operette wird oft vorschnell als verstaubt oder altmodisch wahrgenommen – dabei liegt ihre große Stärke gerade in der Zeitlosigkeit ihrer Themen. Liebe, gesellschaftliche Rollenbilder, Machtverhältnisse und Sehnsüchte beschäftigen uns heute genauso wie zur Entstehungszeit dieser Werke. Man muss also gar nicht künstlich modernisieren, sondern vielmehr die Aktualität sichtbar machen, die ohnehin schon in den Stücken steckt.
Dazu kommt die unmittelbare Kraft der Musik: Die Operette schafft es wie kaum ein anderes Genre, Leichtigkeit und Tiefe miteinander zu verbinden. Volksliedhafte Melodien, elegante Walzer, feinsinnige Ensembles und große Orchesterklänge gehen direkt ins Ohr und berühren Menschen seit Generationen. Gerade dieser musikalische Reichtum macht den besonderen Reiz aus.
Gleichzeitig sehen wir die Operette auch als eine Art Vorläufer des heutigen Musicals. Sie verbindet Schauspiel, Gesang, Tanz und große Emotionen auf ganz unmittelbare Weise – genau das, was auch modernes Musiktheater heute ausmacht. Wenn man sich darauf einlässt, merkt man schnell, dass dieses Genre viel näher an unseren heutigen Sehgewohnheiten ist, als man vielleicht zunächst denkt.
Gerade deshalb würden wir uns wünschen, dass auch ein junges Publikum den Weg in die Operette findet. Die wunderbare Musik, die Lebendigkeit, der Humor und die emotionale Direktheit besitzen eine große Kraft, die Menschen auch heute noch erreichen kann. Vielleicht kann DER VOGELHÄNDLER sogar dazu beitragen, sich neu in dieses Genre zu verlieben.
Um die Operette in die Gegenwart zu führen, braucht es deshalb vor allem einen ehrlichen und lebendigen Zugang. Wichtig ist, die Figuren und ihre Konflikte ernst zu nehmen und die Geschichten so zu erzählen, dass sich ein heutiges Publikum darin wiederfinden kann.
Die Natur spielt in der Inszenierung und auch im Bühnenbild eine zentrale Rolle. Könnt ihr darüber ein bisschen mehr erzählen?
Die Natur spielt in unserer Inszenierung tatsächlich eine ganz zentrale Rolle – nicht nur als Bühnenbild, sondern beinahe wie ein eigener Charakter. In unserem VOGELHÄNDLER steht sie wortwörtlich im Mittelpunkt: Sie wächst, verändert sich und erwacht gemeinsam mit den Figuren auf der Bühne zum Leben. Dabei spiegelt sie Stimmungen, Beziehungen und die Entwicklungen der Handlung wider.
Uns hat besonders interessiert, wie eng die Menschen in dieser Operette mit ihrer Umgebung verbunden sind. Die Natur ist deshalb nicht bloß dekorativer Hintergrund, sondern ein lebendiger Raum, der auf das Geschehen reagiert und sich im Laufe des Abends immer stärker emanzipiert. Dadurch entstehen auch überraschende und manchmal augenzwinkernde Momente, die das Publikum visuell und atmosphärisch mitnehmen sollen.
Darüber hinaus sehen wir die Natur auch als Spiegel des Menschen. So wie die Figuren im Laufe des Abends wachsen, sich verändern und weiterentwickeln, passiert genau das auch in der Natur. Alles befindet sich in einem ständigen Kreislauf von Wachstum, Veränderung und Erneuerung. Diese Verbindung war uns in der Inszenierung besonders wichtig.
Gleichzeitig besitzt die Natur für uns auch etwas Erdendes. Sie verbindet uns mit dem Körper, mit dem Moment und mit einer gewissen Wahrhaftigkeit. Gerade in einer Welt voller Gedanken, Sehnsüchte und innerer Konflikte hilft sie dabei, Dinge spürbar und real werden zu lassen. Dadurch wird die Natur in unserer Inszenierung nicht nur zu einem atmosphärischen Raum, sondern auch zu einem emotionalen Gegenpol, der die Figuren immer wieder zu sich selbst zurückführt.
Gleichzeitig passt dieser Zugang sehr gut zum Wesen der Operette: Alles ist in Bewegung, alles lebt, wächst und verändert sich – genau wie die Figuren selbst.
Was war das Schwierigste bzw. Herausforderndste an dieser Regiearbeit?
Die größte Herausforderung war tatsächlich die Zeit – beziehungsweise die Kürze der Zeit, in der wir diese Produktion übernehmen durften. Die Vorbereitungsphase war sehr kompakt und dadurch umso intensiver. Gerade bei einer Operette, in der Musik, Szene, Chor und Tanz so eng ineinandergreifen, braucht es eigentlich viel Raum zum gemeinsamen Entwickeln.
Umso schöner war es zu erleben, mit wie viel Offenheit, Engagement und Herzblut uns alle Abteilungen der Bühne Baden unterstützt haben. Diese liebevolle und wertschätzende Zusammenarbeit hat es überhaupt erst möglich gemacht, in so kurzer Zeit gemeinsam eine lebendige und stimmige Produktion auf die Bühne zu bringen.
Eine zusätzliche Besonderheit dieser Produktion war außerdem, dass wir ein bereits bestehendes Konzept übernehmen durften. Bühne, Kostüme und auch das Ensemble waren zu diesem Zeitpunkt bereits vorhanden, wodurch sich unsere Aufgabe von Beginn an sehr speziell gestaltet hat. Es ging für uns deshalb nicht darum, alles komplett neu zu erfinden, sondern vielmehr darum, innerhalb kurzer Zeit einen eigenen Zugang zu finden und die Produktion zu unserer eigenen zu machen.
Das bedeutete auch, behutsam weiterzuentwickeln, kleine Veränderungen vorzunehmen und gemeinsam mit dem bestehenden Material sowie dem bereits geleisteten künstlerischen Einsatz weiterzuarbeiten. Gerade dieser Balanceakt zwischen Respekt vor der bisherigen Arbeit und dem Wunsch, eine eigene Handschrift hineinzubringen, war für uns eine spannende und gleichzeitig sehr kreative Herausforderung.